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Elmshorn
Foto: Reimer Wulf 






20.09.2017 

Reich an Schätzen: die Eröffnung von „Elmshorn liest“

Inmitten einer „Schatzkammer des Geistes“, zwischen japanischen Geistern, Kartoffeln und Tee: So startete die Veranstaltungsreihe „Elmshorn liest“ am Montag, 18.09., in der Buchhandlung Heymann. Neben einem exklusiven Musik-Programm und einer Lesung berichtete Keramik-Künstler Jan Kollwitz, wieso Japan an der Ostsee beginnt. Der Künstler stand zudem Rede und Antwort.
Jan Kollwitz gab Einblicke in japanische Keramik-Kunst.

Jan Kollwitz gab Einblicke in japanische Keramik-Kunst.
Foto: Herr M. Planer, Stadt Elmshorn

Ausverkauft war die Eröffnungsveranstaltung zu „Elmshorn liest“ schon im Vorwege. Großer Andrang also in dieser „Schatzkammer des Geistes“, wie Keramik-Künstler Jan Kollwitz die Buchhandlung nannte. Eine Einschätzung, die er aus seiner eigenen Erfahrung problemlos treffen kann, stecken doch allein in seiner Biographie „Japan beginnt an der Ostsee“ zwei Jahre Arbeit. Wie viele Stunden Arbeit müssen die Besucher inmitten all der Bücher bloß umgeben? „Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln“ ist das Ergebnis einer solchen Arbeit, das bei „Elmshorn liest“ in diesem Jahr im Fokus steht. Als Realvorlage für den Protagonisten Ernst Liesgang beweist Jan Kollwitz einmal mehr, dass traditionelle japanische Keramik in Schleswig-Holstein verwurzelt ist.

Mit „Kartoffeln und Tee“, einer eigens für Elmshorn liest entwickelten Komposition stimmten Matthias Wichmann (Gitarre) und Sophia Hühnert (Querflöte) auf die Welt zwischen Japan und Deutschland ein. Feine Melodien (Tee) und erdige, kräftige Akkorde (Kartoffeln) würden miteinander kombiniert, so beschrieb Wichmann das Stück. Auch die anderen Lieder waren alle für sich Spezialitäten. „Geister“, dessen Inspiration ein Textausschnitt aus dem Buch war, überraschte. Spielte Wichmann in einem Moment noch die Gitarre, lag sie im nächsten Moment auf seinem Schoß und er trommelte mit Teelöffeln auf dem Musikinstrument.

Mit rauer Stimme, strengem Blick über den Brillenrand und sanften Gesten interpretierte Jonas Stiefel, Gewinner des Schul-Slams, die Charaktere des Romans. Eindrucksvoll belebte er die Situation zwischen Ernst Liesgang und einem Zollbeamten. Pakete, die der Protagonist aus Japan erhalten hatte, wurden sorgfältig überprüft. Er hatte die Zuhörer tief in seinen Bann gezogen. Plötzlich klingelte ein Telefon im Publikum. Mit der Stimme des Zollbeamten sagte Jonas, „Ach, ein Telefon haben wir auch noch. Machen Sie das bitte auf… äh aus!“

Jan Kollwitz berichtete von den ersten Kontakten zwischen ihm und Christoph Peters. Den Prozess der Buchentstehung. Die Zeit in Japan und seiner Arbeit mit dem Ofen-Bauer Watanabe (im Buch Yamashiro). Der Abend lieferte Einiges – und vor allem besonders anschauliche und mitreißende Einblicke in die ganz persönliche „Kollwitz‘sche Schatzkammer des Geistes“.

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Auch das ist Elmshorn liest: Matthias Wichmann spielte auf seiner Gitarre - mit Teelöffeln.
Foto: Herr M. Planer, Stadt Elmshorn
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Schulslam-Sieger Jonas Stiefel belebte die Charaktere des Romans.
Foto: Herr M. Planer, Stadt Elmshorn
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Stadtrat Dirk Moritz eröffnete "Elmshorn liest".
Foto: Herr M. Planer, Stadt Elmshorn

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Sophie Hühnert an der Querflöte.
Foto: Herr M. Planer, Stadt Elmshorn

Jan Kollwitz stand in Elmshorn Rede und Antwort - ein Interview

In der Geschichte Ernst Liesgang, im wahren Leben Jan Kollwitz. Die Realvorlage zum Protagonisten des diesjährigen Romans „Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln“ ist ein besonderer Besucher bei der Eröffnungsveranstaltung zu „Elmshorn liest“  in der Buchhandlung Heymann. Eines der Highlights an dem Abend ist seine Keramik-Ausstellung, für die er extra aus Cismar nach Elmshorn angereist ist.

Bei so einem Besucher lohnt es sich, auch mal etwas nachzuhaken.

Sushi oder Kartoffeln?

Ein wenig irritiert von dieser Frage, liegt ein ernster Blick in seinen klaren Augen. Seine Fliege und die zu große Anzugjacke umrunden den Professor-Look, irgendwie urig, irgendwie eigen. Mit festem Stand steht er da, kein Hauch von Unsicherheit. Eine gewisse Strenge, die ihn umgibt, trotz des urigen Aussehens.

Ein paar Sekunden ist sein Blick fragend. Der kleine Tisch in der Buchhandlung, auf dem seine Keramiken ausgebreitet sind und an dem er steht, ist umgeben von einer Traube an Menschen. Es ist laut in der Buchhandlung – bei über 70 Gästen kein Wunder – und doch ist Herr Kollwitz sehr konzentriert.

Ja, was bevorzugen Sie, Herr Kollwitz?

Nun hat er den Bezug zum Buch verstanden. Trocken antwortet er, „naja, im Restaurant esse ich lieber Sushi“, die Betonung wie von einem Asiaten auf dem zischendem S. „Doch zuhause, da koche ich lieber Kartoffeln, Kartoffelmus zum Beispiel.“

„Sushi oder Kartoffeln?“, eine Frage, mit der sich auch die Geschichte von Christoph Peters beschäftigt. Eine Geschichte, die auf Ihrem Leben beruht.

Wie schnell hatten Sie das fertige Werk in den Händen?

Das Werk habe ich bereits in Textdatei erhalten als es noch gemacht wurde. Christoph und ich haben alles oft gemeinsam besprochen. Die Geschichte hat durch Christoph schnell eine gewisse Eigendynamik bekommen, eben eine ganz besondere Qualität. Ich musste nicht berichtigen, was er schrieb.

Es gab also keine Änderungswünsche ihrerseits?

Änderungswünsche, nein! Es war alles immer wunderbar. Keine Unstimmigkeiten, sachliche Fehler sowieso nicht. Aus Christophs Sicht wurde die Geschichte viel lebendiger.

Jonas Stiefel hat die Geschichte jetzt auf seine Art vorgelesen. Wie ist das für Sie aus Sicht eines Zuhörers?

Toll! Jonas Stiefel hat das ganz toll gemacht. Er hat eine große Affinität zum Humor von Christoph Peters. Ich sehe mich darin wieder.

Wie ist es insgesamt für Sie, dass ein Teil Ihres Lebens in Buchform auf dem Markt ist?

Mit meiner Biografie „Japan beginnt an der Ostsee“ hat alles seinen Lauf genommen. Sie ist das Bilderbuch zum Buch „Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln“. Ich finde es toll, dass die Geschichte so gut ankommt.

Tatsächlich arbeiten Sie mit dem in der Geschichte beschriebenen Anagama-Ofen.

Was war das erste Objekt, das Sie darin getöpfert haben?

Das kann ich gar nicht mehr genau sagen. Ich habe etwa 45 Formen zeitgleich getöpfert. Wahrscheinlich war es eine Reisschale. Das ist das geläufigste Objekt. Es gibt auch Phasen, in denen ich nicht täglich töpfere. Und dann wieder Phasen in denen es 100 Reisschalen auf einmal sind oder 600 Teetassen in einer Woche.

Eine ganze Menge, können Sie noch einschätzen, wie viele Objekte Sie in Ihrem bisherigen Leben hergestellt haben?

„Das ist wirklich schwer zu sagen“; Herr Kollwitz überlegt eine Weile. Dabei neigt er den Kopf etwas zur Seite. „Es waren unzählbar viele. Ich denke, dass derzeit so etwa 10.000 Gefäße in aller Welt sind.“

Bei so vielen Gefäßen stellt sich die Frage: Haben Sie sich schon mal an dem Ofen verbrannt?

Mit einer Selbstverständlichkeit ist er wieder ganz da. „Ja, natürlich! Bei 1300° C nutzen Handschuhe auch nicht viel. Da braucht man viel Geschick und muss sehr schnell sein.“

Das Thema des heutigen Abends lautet „Japan beginnt an der Ostsee“.

Sie waren in Japan Schüler von Yutaka Nakamura.

Was hat er Ihnen gelehrt?

Yutaka Nakamuara war mein Keramikmeister. Er hat mir vieles über das Handwerk und die japanische Kultur beigebracht.

Wie viel haben Sie von dort noch bis heute mitgenommen?

In Japan habe ich vor allem meine Haltung erlernt. Die äußere und innere Zen-Haltung, stets im Gleichgewicht zu sein.

Ist Yutaka Nakamura Vorbild von Herrn Yamashiro?

Nein. Das Vorbild für Herr Yamashiro war Herr Watanabe. Er war der Ofenmeister. Leider ist er inzwischen tot.

Mehr und mehr Menschen versammeln sich um Herrn Kollwitz. Zwischendrin kommt eine Frage zu seiner Arbeit in Cismar von den anderen Gästen.

Ein Versuch seine Aufmerksamkeit nochmal mit einem Themawechsel zu erlangen:

Ihre Urgroßmutter Käthe Kollwitz war eine begabte Künstlerin der 20er Jahre. Da ist er wieder. Schon beim Aussprechen ihres Namens reagiert Kollwitz weich, fast emotional.

Wie sehr war Ihr Leben von den Geschichten Ihrer Ur-Großmutter geprägt?

Anfangs nicht. Doch irgendwann entdeckte ich ihre Tagebücher. Mit Bewunderung für diese Frau habe ich darin gelesen. Vor allem bewunderte ich sie für ihre Konsequenz. An manchen Tagen, wenn ich niedergeschlagen bin, denke ich an sie. Wissen Sie, während der Nazizeit hat sie heimlich gearbeitet. Das fand ich sehr beeindruckend.

Bevor wir zum Ende kommen, wollen Sie vielleicht noch etwas sagen oder ein Thema ansprechen, das Ihnen am Herzen liegt?

Ich freue mich immer über Besucher bei mir in Cismar. Interessierte können sich den Ofen jederzeit anschauen. Es war sehr schade, dass der Ausflug ausgefallen ist. Wobei das gut passte, da ich an dem Wochenende krank war.

Vielen Dank, Herr Kollwitz!

 

Autor/Autorin: Frau Klenke, Stadt Elmshorn