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Elmshorn
Foto: Reimer Wulf 






26.01.2020 

Frauen holen Tabuthema Sucht aus der Nische und rufen zu mehr Offenheit auf

Beim 34. Frauenempfang der Stadt Elmshorn stand am Sonntag, 26. Januar, das Thema "Frauen und Sucht" zur Debatte. Rund 200 Besucherinnen und Besucher folgten der Einladung, sich mit den Ursachen, Auswirkungen und Wegen aus dem Alkoholismus und der Bulimie auseinanderzusetzen. Dabei wurde deutlich, dass für Frauen ganz andere Bedingungen als für Männer gelten.
Auf dem Podium: Kersten Artus (v. l.), Karin Wied, Dagmar Burghardt, Elke Lorenz, Heidi Basting

Auf dem Podium: Kersten Artus (v. l.), Karin Wied, Dagmar Burghardt, Elke Lorenz, Heidi Basting
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn

"Mit meiner Sucht habe ich mich immer versteckt", sagt Gitta Ott. Damit sei sie dem Klischee "Frauen trinken heimlich, Männer öffentlich" gefolgt. Heute geht sie offen mit der langjährigen Abhängigkeit vom Alkohol um und begrüßt daher auch das Thema "Frauen und Sucht" des 34. Frauenempfangs der Stadt Elmshorn. Als eine von rund 200 Besucherinnen und Besuchern hat sie am Sonntag, 26. Januar, an der Matinée im Rathaus teilgenommen. Dabei standen speziell Alkoholismus und Essstörungen bei Frauen im Fokus.

Bei ihren Diakonie-Beratenden Birgit Hadel (l.) und Tobias Arnold fühlt sich Gitta Ott sehr gut aufgehoben.

Bei ihren Diakonie-Beratenden Birgit Hadel (l.) und Tobias Arnold fühlt sich Gitta Ott sehr gut aufgehoben.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn

"Unser Ziel ist es, das Bewusstsein für das Thema zu schärfen - was macht Sucht aus, was brauchen Frauen, wie kommen sie aus der Abhängigkeit wieder raus, wo finden sie Hilfe?", so Gastgeberin Heidi Basting, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Denn viel zu häufig würden Scham und Schuldgefühle Frauen davon abhalten, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen, erklärt Elke Lorenz, die als Expertin der Suchtberatungsstelle Freiburg auf dem Podium Platz nahm. Dieser Umstand sei bei Männern nicht so stark ausgeprägt.

Männer sorgen sich um den Job, Frauen um die Familie

"Wenn wir Männer mit einer Therapie von ihrer Alkoholsucht konfrontieren fragen sie: Aber was ist mit meinem Job?", sagt Suchttherapeutin Dagmar Burghardt. "Frauen fragen: Aber was ist mit meiner Familie?" Das sei auch einer der entscheidenden Faktoren, warum Frauen erst spät - ab etwa 40 Jahren - Beratungsstellen aufsuchen und Therapien beginnen. Dann sind die Kinder schon erwachsen. Kliniken, die Mutter und Kind gemeinsam aufnehmen, gebe es kaum, so Burghardt.

Kokainstudie offenbart körperliche Unterschiede

Für die Expertinnen auf dem Podium steht fest, dass es gravierende Unterschiede in den körperlichen und psychologischen Ursachen, im Verlauf und in den Auswirkungen von Süchten bei Frauen und Männern gibt. Deswegen müsse auch die Therapie anders aufgebaut sein. Als Beispiel führt Ärztin und Psychotherapeutin Karin Wied eine Studie zu Kokainkonsumentinnen und -konsumenten an. Wissenschaftler untersuchten dafür die Gehirne von Frauen und Männern, die mindestens zehn Jahre lang die Droge eingenommen hatten. Ergebnis: Das Gehirn der Männer zeigte keinen Unterschied zu dem gesunder Menschen, bei den Frauen hingegen waren Nervenzellen sichtbar geschädigt.

Der Kollegiumssaal des Rathauses war bis zum letzten Platz gefüllt.

Der Kollegiumssaal des Rathauses war bis zum letzten Platz gefüllt.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn

Obwohl eigentlich offensichtlich, nimmt die Forschung die Unterschiede zwischen den Geschlechtern erst seit relativ kurzer Zeit ernst, führt Wied aus. Anlass sei die Erforschung von Herzinfarkten gewesen, bei der die Unterschiede nachgewiesen worden seien.

Bulimie als "Freundin"

Kersten Artus, ehemals Journalistin und Betriebsrätin bei einem großen Hamburger Verlag, gab sehr intime Einblicke in ihre Bulimie-Sucht. Gefördert durch das von der eigenen Familie und den Medien verbreitete Schönheitsideal habe sie bereits mit elf Jahren mit dem geklauten Geld ihrer Eltern ihre ersten Schlankheitspillen in der Apotheke gekauft und dann eingenommen. "Für mich war die Bulimie meine Freundin, die mich getröstet hat und die ich zum Relaxen genutzt habe", sagt Artus. Auch sie habe sich erst spät Hilfe gesucht - als sie mit 40 Jahren dreimal durch die Führerscheinprüfung gerasselt sei und gemerkt habe, dass die Bulimie ihr nicht weiterhelfe.

Auch die Zeitschriften und ihr Schönheitsideal treiben Frauen in die Bulimie, so Kersten Artus.

Auch die Zeitschriften und ihr Schönheitsideal treiben Frauen in die Bulimie, so Kersten Artus.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn

Heute hat sie gelernt, mit der Sucht zu leben und sie zu kontrollieren. Dafür brachte sie einen sechswöchigen stationären Aufenthalt in einer Klinik in Bad Bramstedt und eine dreijährige tiefenpsychologische Therapie hinter sich. Artus weiß: "Meine Krankheit ist chronisch, nach 30 Jahren wird man so etwas nicht mehr los." Aber sie habe alternative Formen der Stressbewältigung gefunden und gelernt, ihre Bedürfnisse klar zu artikulieren, sich aus Zwängen zu befreien. Vormachen möchte sie niemandem etwas: "Der Weg ist kein leichter."

Heldinnen des Alltags

Mit ihrem offenen Umgang stellt Kersten Artus für viele Besucherinnen und Besucher des Frauenempfangs eine Heldin des Alltags dar. Eine Ausstellung mit weiteren solchen Heldinnen eröffnete am Sonntag Bürgermeister Volker Hatje. "Dafür wurden ganz normale Frauen in Freiburg gefragt, ob sie sich als Heldinnen des Alltags empfinden und wenn ja warum", erklärte Hatje, der im gleichen Zug die oftmals unbemerkte Arbeit von Frauen in der Familie, Nachbarschaft und Gesellschaft hervorhob. Das Ergebnis der Umfrage ist in Form großer Porträtfotos noch bis zum 24. Februar im Rathaus zu sehen. Angefertigt hat die Bilder Fotografin Margrit Müller für die Freiburger Suchtberatungsstelle FrauenZimmer. "Sagen Sie es weiter", forderte Hatje die Anwesenden auf. Denn die Ausstellung sei "äußerst sehenswert" und das Rathaus auch über Amtsgänge hinaus ein Raum der Begegnung für die Menschen.

Bei den Besucherinnen finden die von Margrit Müller porträtierten Heldinnen des Alltags viel Anklang und Lob.

Bei den Besucherinnen finden die von Margrit Müller porträtierten Heldinnen des Alltags viel Anklang und Lob.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn

Aufgrund der Vielfalt des Themas Sucht soll dieses auch in den nächsten Monaten weiter beleuchtet werden, verspricht Gleichstellungsbeauftragte Heidi Basting. Unter anderem ist geplant, eine Filmdokumentation über Kersten Artus und acht weitere Suchtkranke im Industriemuseum zu zeigen. Weitere Anregungen konnten die Besucherinnen und Besucher direkt am Sonntag einbringen.

Vorschläge für weitere Veranstaltungen konnten gleich vor Ort festgehalten werden.

Vorschläge für weitere Veranstaltungen konnten gleich vor Ort festgehalten werden.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn

Die waren ohnehin sehr angetan vom Frauenempfang: "Es war sehr vielfältig und es kam sehr gut raus, dass die Auswirkungen und die Behandlung einer Sucht bei Frauen und Männern unterschiedlich sind", sagt Besucherin Edelgard Heim.

Gisela Plückhahn fand es ebenfalls "sehr informativ. Aber ich würde mir wünschen, dass es in Elmshorn mit seinen mehr als 50.000 Einwohnerinnen und Einwohnern eine spezifische Beratungsstelle für suchtkranke Frauen geben würde." In der Krückaustadt gebe es nur eine gemischte Anlaufstelle. Die nächsten nur auf Frauen zugeschneiderte Angebote finden sich in Hamburg und Kiel.

Abgerundet wurde das Programm des Frauenempfangs durch plattdeutsche Lieder von Musikerin Inge Lorenzen und den Austausch am Büffet.

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Bürgermeister Volker Hatje eröffnete die Ausstellung "Heldinnen des Alltags".
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn
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Die Ausstellung "Heldinnen des Alltags" ist bis 24. Februar im Rathaus zu sehen.
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Ricarda Hänel (l.) und Astrid Possekel vom Sozialdienst katholischer Frauen stellen die Kleiderkammer vor.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn

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Heidi Basting verteilt Geschenke an das Orgateam aus Silke Jahnke (v. l.), Sylvia von Meißner-Fröhlich, Sandra Bock und Ilona Menck-Tapper.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn
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Sängerin Inge Lorenzen mit Gitarre
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn
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Jede Menge Lesestoff bietet Martina Oldendorf von der Stadtbücherei.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn

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Besonders die Musik von Sängerin Inge Lorenzen hat es Ingrid Tornquist (r.) und Ursula Vietheer angetan.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn
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Sängerin Inge Lorenzen performte plattdeutsche Lieder.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn
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Sängerin Inge Lorenzen als Handymotiv.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn

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Gastgeberin Heidi Basting im Gespräch.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn
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Elke Lorenz reiste extra aus Freiburg an.
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Gut gelaunt: Christine Geralt (v. l.), Malies Schlüter, Marlies Karnatz, Heidi Patoka.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn

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Für das leibliche Wohl war ebenfalls gesorgt.
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Überbrachte ein Grußwort: Detlef Witthinrich-Kohlschmitt.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn
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In der Fragerunde macht Birgit Hadel von der Diakonie auf lokale Beratungsangebote aufmerksam.
Foto: Herr Hinz, Stadt Elmshorn


 

Autor/Autorin: Herr Hinz, Stadt Elmshorn