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STADTRADELN-Interview mit Thorsten Rodtgardt

Vor 40 Jahren gründete Thorsten Rodtgardt gemeinsam mit Freunden die Fahrradgruppe Rückenwind. Im STADTRADELN-Interview erzählt der heutige 2. Vorsitzende, was er auf seinen Reisen in die DDR, nach Spanien oder auch England erlebt hat, was ihn am Radfahren fasziniert und warum sein ganz besonderes Herzblut in den Rüwi-Kids steckt.

Interview

Dieses Jahr ist ein ganz Besonderes für die Rüwis, die ihr 40-jähriges Jubiläum feiern. Sie sind Gründungsmitglied…

Das ist richtig. Mit sieben Freunden habe ich am 8. Mai 1981 die Fahrradgruppe Rückenwind gegründet und zwar im Jugendhaus Krückaupark bei der damaligen und auch heutigen Leiterin Karen Wöbcke. In den ersten Jahren waren wir ein Freundeskreis von etwa 30 Leuten, heute zählen wir 183 Mitglieder, die in vier Sparten organisiert sind.

Sind Sie angesichts dieser Entwicklung auch ein bisschen stolz?

Ja, natürlich. Ich denke schon, dass etwas dafür getan werden muss, um auf 183 Mitglieder zu kommen. Dazu hat meiner Meinung nach vor allem die Vielfalt in unserer Gruppe beigetragen. Ganz am Anfang haben wir „einfach“ die wunderschönen Touren gemacht. Es kamen die Rennradfahrer dazu, die mit ihren schnellen Rädern fixer fahren wollten. Mal hatten wir Lust, schnell zu fahren und mal hatten wir Lust auf Reisen, auf Wochenend-Touren, kulinarische Ausfahrten und so weiter. Nach ein paar Jahren haben wir unsere Eltern mit auf einige Tagesausfahrten genommen, später für unsere Kinder Touren angeboten. 1993 gab es das erste Familienwochenende mit eigenen Kindern. Daraus entwickelten sind Abenteuertouren für Kinder und Jugendliche. So sind die Rüwi-Kids entstanden.

Sind Sie bei den Kids von Anfang an in der Leitung gewesen?

Da steckt mein ganz besonderes Herzblut drin, weil ich selbst Ende der 70er durch den damaligen Stadtjugendpfleger Hermann Husmann zum Radfahren gekommen bin auf Touren in Singen am Hohentwiel am Bodensee, in Südfrankreich und Spanien. Ein paar von uns waren mit ihm unterwegs und haben gesagt, diese Art von Touren möchten wir weiterleben lassen. Andere Kollegen sind unabhängig von Hermann Husmann mit dem Rad ganz bis Marokko und mehrmals nach Südfrankreich gefahren. Wir kannten uns von der Schule und über unsere Leidenschaft sind wir zusammengekommen. Das war dann irgendwann der Urknall: Aus dieser Erfahrung und mit dieser Idee haben wir Rückenwind gegründet. Diese Begeisterung für das Radfahren, für das Gemeinsame, für Natur erleben an Kinder und Jugendliche weiterzugeben, das ist mir ganz besonders wichtig.

Macht das auch den Reiz für Sie aus, dieses Erlebnis in der Gruppe, der Zusammenhalt, das gleiche Interesse?

Auf jeden Fall macht es einen besonderen Reiz aus, gemeinsam ein Ziel zu erreichen und sich gegenseitig dabei zu unterstützen. Dass wir dabei etwas für die Fitness tun, die Natur genießen und das Essen doppelt gut schmeckt, sind gern genommene Nebeneffekte. Zusammen mit Spartenleitern und Tourenleitern hat der Vorstand letztes Jahr nach Studium der LVO SH ein Hygienekonzept erstellt, womit im Spätsommer die Tagestouren wieder möglich geworden sind.

Haben Sie aus den 40 Rüwi-Jahren ein paar Highlights im Gedächtnis?

Als erstes fällt mir 1986 unsere Radtour nach Spanien ein, die wir mit zehn Leuten gestartet haben. Wir sind mit der Bahn nach Vigo gefahren und hatten damit auch die Fahrräder vorausgeschickt – aber wir waren vor den Rädern da. Die steckten irgendwo im Zoll auf der Strecke und wir haben dann drei Tage Badeurlaub in Vigo geschenkt bekommen. Wir waren ein bisschen unruhig, weil wir ja 1000 Kilometer fahren wollten. Und je länger wir am Strand saßen, desto mehr mussten wir später treten.

Haben Sie es noch geschafft?

Wir haben es geschafft. Aber es gab eine ganz harte Diskussion an der Küste von Porcia, ob wir abkürzen oder ob wir wirklich 100 Kilometer am Tag bei 30 Grad über Berge und Stock und Stein fahren wollen. Diejenigen, die das durchziehen wollten, haben sich durchgesetzt und wir haben uns über die Berge gequält, will ich fast sagen. Aber letztendlich - es war ein wunderschönes Erlebnis.

Welche weiteren Touren fallen Ihnen ein?

Im Folgejahr sind wir nach Südengland gefahren. Da sind wir das erste Mal mit den Fahrrädern geflogen. Wir sind mit acht Leuten mit dem Fahrrad nach Hamburg gefahren, ins Flugzeug gestiegen und in London gelandet. Die ersten drei Tage hatten wir schönes Wetter, dann gab es Regen und sauren Cidre. Aber es hat trotzdem Spaß gemacht und wir haben die Tour bis zum Ende gebracht, völlig klar.
Ganz besonders erwähnenswert ist außerdem die Tour 1987 in die DDR. Mit einem Freund war ich schon drei Mal vorher in der DDR, auf Einladung. Da bekommt man Dokumente, die muss man an der Grenze vorzeigen und dann bekommt man eine Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung und so fort. Das wollten wir auch mit der Gruppe machen und haben die Räder vorausgeschickt. Die kamen zurück, das war Versuch 1. Dann haben wir einfach die Räder in der Bahn mitgenommen. Der Schaffner kam und sagte: „Ihr wollt also in unsere schöne DDR?“ Guckte auf unsere Reisetaschen und Räder und sagte: „Das ist doch gar nicht erlaubt!“ Da waren wir natürlich ganz verschüchtert. Aber dann meinte er: „Na ja, dann fahrt man. Aber macht das nicht wieder!“ Von unserer Seite war das natürlich hoch offiziell, mit Bezuschussung des Landes zum internationalen Jugendaustausch. Auf Ostseite war das dagegen alles ganz privat, da wir sonst wahrscheinlich komplett beobachtet worden wären oder die Reise gar nicht möglich gewesen wäre. Dennoch haben wir uns dort mit einer Jugendgruppe getroffen, einer Mischung aus Radfahrern und kirchlicher Musikgruppe. Mit denen haben wir eine knappe Woche Programm gemacht. Unter anderem eine Radtour über die Brücke der Begegnung in Torgau. Auf dieser Brücke haben sich die Russen und die Amerikaner (1945) getroffen – und wir haben ihr eine weitere, für uns persönlich schöne Bedeutung gegeben.

Ging alles gut?

Das ging alles gut. Wir haben viel Spaß gehabt. Das war eine großartige Begegnung, weil es natürlich eine große Neugierde bei Ossis und Wessis gab: Wie leben die anderen? Wie sind die anderen? Was gibt es für Gemeinsamkeiten, die ja immer stärker sind als die vermeintlichen Unterschiede. Das war einfach interessant zu erleben und es selbst auf den Weg gebracht zu haben.

Haben sich im Laufe der Zeit auch grenzüberschreitende Freundschaften entwickelt?

Es haben sich auf jeden Fall Bekanntschaften und Freundschaften gebildet. In der DDR zum Beispiel haben wir Kerstin und Susann kennengelernt. Mit Kerstin und ihrem Mann bin ich immer noch sehr intensiv befreundet. Oder als wir durch Spanien gefahren sind haben wir auch Spanierinnen und Spanier kennengelernt und noch lange Brieffreundschaften gepflegt. Das war damals alles noch analog, ohne WhatsApp.

Sie sind ordentlich rumgekommen. Spanien, Frankreich, England – wo fahren Sie in Elmshorn am liebsten Fahrrad?

In Elmshorn führt meine Lieblingsstrecke von meinem Wohnort Kölln-Reisiek durch die Schlangenau und durch den Steindammpark zum Einkaufen auf dem Buttermarkt.

Und in der näheren Umgebung?

Da gefällt mir viel. Elmshorn hat ein wunderschönes Umland, welches bestens zum Radfahren geeignet ist und unterschiedlichste Ziele bietet. Erwähnen möchte ich die Strecke am Deich nach Neuendorf, zur Fähre Kronsnest und Richtung Krückausperrwerk, Kollmar und Glückstadt – das ist einfach eine fantastische Gegend.

Wenn Leute jetzt angefixt sind: Wie wird man Mitglied bei den Rüwis?

Jeder kann einfach zu den Touren kommen. Am besten vorher einmal anrufen, damit wir gucken können was am passendsten ist. Nicht dass jemand, der eine kleine Tour machen will, plötzlich bei den Rennradfahrern steht und danach nicht wiederkommt. Das wäre schade. Und natürlich freuen wir uns, wenn er oder sie dann Mitglied wird, um uns ein bisschen bei den Aktivitäten zu unterstützen. Der Mitgliedsbeitrag liegt bei 18 Euro pro Jahr, das können sich die meisten Menschen leisten. Das Antragsformular kann auf unserer Homepage www.fahrradgruppe-rueckenwind.de runtergeladen werden. Dort sind - in normalen Zeiten - Termine und Informationen der Sparten einsehbar.

Feiern die Rüwis ihr Jubiläum noch groß?

Wir hätten gern zu einer großen Feier mit Speis und Trank eingeladen und das Tanzbein geschwungen. Das haben wir leider durch Corona verschieben müssen. Wir haben die Idee, es nachzuholen. Es gibt ein zweites wichtiges Datum in unserer Vereinsgeschichte: Im Dezember 1983 sind wir anerkannter Träger der freien Jugendhilfe Elmshorn geworden. Von da ab haben wir uns genau wie ein eingetragener Verein organisiert. 2023 also wäre eine Möglichkeit, die Feier nachzuholen. In diesem Jahr bietet jede Sparte eine Tour an, auf der die Teilnehmer ein Fischbrötchen, Kaffee und Kuchen oder zum Beispiel ein Eis spendiert bekommen. So wollen wir das besondere Jahr zumindest im Kleinen würdigen. In der Jubiläumsausgabe unserer Mitgliederzeitschrift ‚Rückenwind von Vorn‘ erzählen wir einige Geschichten und zeigen alte Fotos. Seht gerne rein auf unserer Hompage.

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