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"Die Akzeptanz ist in den letzten zehn Jahren sehr viel größer geworden"

Holger Cordes vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) erklärt im STADTRADELN-Interview, warum Elmshorn eine Fahrradstadt ist und wie man den Radfahrenden noch mehr Spaß an ihrem Hobby verschaffen kann. Außerdem erläutert er, warum er ein Fan des Projekts "Eselsbrücke" und der Lastenräder ist. Er selbst hat das Auto komplett abgeschafft und setzt stattdessen auf pure Muskelkraft, um zur Arbeit zu pendeln oder den Einkauf nach Hause zu befördern.

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In den letzten Jahren hat Elmshorn die anderen STADTRADELN-Kommunen im Kreis immer hinter sich gelassen – ist Elmshorn eine Fahrradstadt?

Elmshorn lebt davon, dass es relativ kompakt ist. Und dann macht natürlich der Schülerverkehr eine Menge aus: Die Schüler*innen tragen wesentlich zum Erreichen des Kreissieges bei. Soweit man da von einem Sieg sprechen kann.

Warum sind die Schüler*innen denn so motiviert?

Da ist natürlich die Unterstützung der Stadtwerke vorzeigemäßig. Dadurch, dass sie die Schulpreise sponsern, sind die Schüler*innen auch interessierter daran, etwas für ihre Schule oder Klassenkasse zu gewinnen. In diesem Jahr sind die Schulpreise aber ja zurückgezogen.

Das liegt natürlich am Coronavirus. Ist es trotzdem richtig, dass das STADTRADELN überhaupt stattfindet?

Ja, natürlich. Gar keine Frage. Ich denke wir haben so die Möglichkeit, mehr in Mailverteilern, Newslettern und ähnlichem zu werben. Es ist vielleicht nicht mehr so öffentlichkeitswirksam dadurch, dass wir selber keine Infostände oder Radtouren anbieten können. Aber insgesamt ist das auch so eine gute Werbegelegenheit. Wir hoffen außerdem auf das Stadtradeln 2021.

Der ADFC hatte für dieses Jahr schon einige Touren vorbereitet, wollte auch auf dem Buttermarkt stehen und Räder codieren. Wie schmerzhaft ist es, das absagen zu müssen?

Es ist schmerzhaft für uns. Wir haben jetzt aber als kleinen Ersatz das Angebot, das „Leila“ – das Lastenrad unseres Landesverbandes – bei uns zu leihen und auszuprobieren. Das geht wochenweise.

Für wen eignet sich so ein Lastenrad?

Das „Leila“ ist geeignet zum Transport von Kindern bis sieben Jahre. Und man kann mit ihm vielleicht den Wocheneinkauf eines zweiköpfigen Haushaltes bewältigen, aber dann stößt es auch an seine Grenzen. Die Aktion dient deswegen zum Erproben, ob ein Lastenrad grundsätzlich etwas für einen ist. Ich persönlich habe mich letztes Jahr für den Kauf eines Lastenrades entschieden. Mit dem kann ich den Einkauf für meine vierköpfige Familie nach Hause schaffen. Das macht schon Spaß.

Worauf haben Sie sich beim diesjährigen STADTRADELN besonders gefreut?

Auf die Eröffnungstour und eine Tour mit Beteiligung der anderen Mitstreiter*innen aus der AG Radverkehr. Und dann den Kontakt mit anderen Radfahrenden – wenn man auf der Tour bestimmte Lösungen für die Radverkehrsführung ausprobiert und feststellt, wie viel Spaß sie machen, wie sinnvoll sie sind, wo die anderen vielleicht ein Risiko sehen oder was sie besonders toll finden. Da kommt man immer gut ins Gespräch.

Und was war das Highlight der vergangenen Jahre?

Wirklich Spaß gemacht hat mir die Bike-Night, die wir die letzten zwei Jahre durchgeführt haben. Das war mal etwas Besonderes, nachts zum Haseldorfer Hafen und gemeinsam zurück zu radeln. Das hat schon eine Menge Spaß gebracht.

Inwiefern trägt das STADTRADELN generell dazu bei, das Verkehrsmittel Fahrrad ins Bewusstsein zu rücken?

Ich denke, das Stadtradeln ist eine gute Gelegenheit, um das Radfahren in den Fokus zu nehmen. Die Presse unterstützt das durch Berichte. Eigentlich müsste aber generell viel mehr Pressearbeit gemacht werden. Wir haben zum Beispiel jahrzehntelang die Radwegebenutzungspflicht gehabt, die aber seit zwei Jahrzehnten abgeschafft ist. Trotzdem haben wir nur einen geringen Effekt, dass die Leute wieder auf die Fahrbahn zurückkehren, obwohl das meiner Ansicht nach eigentlich am sichersten ist. Wenn ich auf der Fahrbahn unterwegs bin, dann gelten für mich die Verkehrsregeln wie für alle anderen Fahrzeuge auch. Das finde ich einfach und eingängig.

Ist das Fahrrad heute ein akzeptiertes Verkehrsmittel in Elmshorn?

Ja, auf jeden Fall. Ich denke, auch die Akzeptanz unter dem motorisierten Verkehr ist in den letzten zehn Jahren sehr viel größer geworden, dass Radfahrende echte Verkehrsteilnehmer*innen sind. Da sind schon sehr viele gelassener geworden und nehmen mehr Rücksicht. Die neue Regelung zum Überholabstand unterstützt diesen Prozess sicher nachhaltig.

Sie haben als ADFC auch ein Auge auf die Radverkehrsplanung …

Ich kann mir vorstellen, dass die Beteiligung in der Planung von Verkehrsanlagen noch ausgeweitet werden kann. Manche Sachen sind relativ komplex zu durchblicken. Da kann es sicherlich nicht schaden, wenn andere Interessenvertretungen des Radverkehrs auch mal drüber gucken.

Gibt es konkrete Beispiele, die Ihnen dazu in Elmshorn einfallen?

Wenn man sich zum Beispiel die Hamburger Straße und den Kreuzungsbereich am Hainholzer Damm anguckt: Da sind im vergangenen Frühjahr am Hainholzer Damm Fahrradbenutzungspflichtschilder aufgestellt worden. Und dann ist die Radverkehrsführung entlang der Hamburger Straße nicht ganz optimal. Die Pkw-Fahrer*innen hätten eigentlich ein bisschen weiter vor der Lichtzeichenanlage noch eine Haltelinie haben müssen, damit sie den Radfahrenden im Blick haben, der auf dem Radweg steht und weiter geradeaus will.

Und Beispiele für richtig gut gelaufene Vorhaben?

Sehr gelungen finde ich zum Beispiel, wie viel jetzt im Zuge des Projekts „Eselsbrücke“ an der Daimlerstraße umgesetzt wird. Dass da der Radfahrende sehr stark ins Blickfeld des motorisierten Verkehrs auf der Fahrbahn rückt. Dementsprechend wird in den Zubringerstraßen der Radverkehr auf die Fahrbahn geleitet, wie zum Beispiel in der Lise-Meitner-Straße. Zudem macht der neue Kreisel da hinten schon richtig Spaß. Und der nächste an der Hans-Böckler-Straße kommt schon bald.

Wie steht Elmshorn bei den Rahmenbedingungen im Vergleich mit Nachbargemeinden wie Glückstadt, Pinneberg, Barmstedt da?

Die Pinneberger haben zum Beispiel jetzt ein größeres Paket Fahrradstraßen auf ihr Einrichtungsarbeitspensum gesetzt. Da könnte Elmshorn noch einen Schub gebrauchen. Interessant wäre für Elmshorn vielleicht auch zu überlegen, wo sich nach der letzten Änderung der Straßenverkehrsordnung Fahrradzonen einrichten lassen.

Haben Sie da schon einen Bereich im Kopf?

Ich könnte mir vorstellen, dass ein Bereich zwischen Wester- und Ansgarstraße liegen könnte – in dem Wohngebiet findet relativ viel Radverkehr statt.

Die Stadt setzt sich ja im Moment sehr viel mit Verkehrsplanung und Parkraumkonzepten auseinander. Vielleicht hätte man das einfach mal von der anderen Seite anfangen können. Man hat jetzt im Wesentlichen den motorisierten Verkehr betrachtet. Stattdessen wäre es gut, einfach erst zu gucken: Wie läuft das mit den Fußgängern und wie stellen wir uns das mit den Radfahrenden vor? Was brauchen die für Räume und wo brauchen die breite und gute Wege und Verknüpfungen auch mit dem öffentlichen Personennahverkehr? Und dann erst im Nachgang den motorisierten Verkehr behandeln. So haben wir jetzt wieder nur die Betrachtung: Was haben wir für den Fußgänger und Radfahrende noch übrig?

Man muss in den Fokus nehmen, dass wir die städtischen Räume nur einmal zur Verfügung haben. Das hat unmittelbar Einfluss auf die Lebensqualität. Und im Innenstadtbereich ist es wichtig, dass wir eine hohe Aufenthaltsqualität erzielen, damit die Leute gerne kommen.

Welche Rolle spielt das Fahrrad für Sie persönlich?

Wir haben seit ungefähr acht Jahren unseren Pkw abgeschafft und sind nur noch mit ÖPNV und Fahrrad unterwegs. Ich pendle werktäglich nach Kiel zur Arbeit, fahre hier zum Elmshorner Bahnhof und vom Bahnhof Kiel aus zum Marinestützpunkt. Mein Faltrad nehme ich dafür in der Bahn mit. Ich bin ungefähr so lange unterwegs wie ich es mit dem Pkw auch wäre. Und ich muss nicht die ganze Zeit konzentriert Autofahren, kann stattdessen entspannt lesen oder mal etwas dösen. Das könnte ich sonst nur als Beifahrer.

Gibt es noch weitere Vorteile?

Generell habe ich keine Probleme mit der Parkplatzsuche und ich kann auch viele Ziele sehr dicht anfahren, was in der Regel mit dem Pkw nicht möglich ist. Und es schlägt sich finanziell nieder.

Zum Abschluss: Haben Sie eine Lieblingstour in der Region? Außer zum Bahnhof natürlich …

Ich würde jetzt gerne zum Eisessen nach Heist radeln. Oder nach Kollmar ist es auch immer eine hübsche Tour.

Autor: Herr Hinz, Stadt Elmshorn 
Autor*in: Herr Hinz, Stadt Elmshorn