Frauenempfang: Bröckelnde Rollenbilder und Aufbruchstimmung
Und Oberbürgermeister Erik Sachse betonte in seinem Grußwort: „Ein altes Thema, das erstaunlich modern wirkt. Das war eine Zeit, in der die klassischen Rollenbilder bröckelten.“
Revolutionärer Geist - bis 1933
Den revolutionären, selbstbestimmten Geist der „Neuen Frau“ zwischen 1919 und 1933 zeigte Historikerin Dr. Katrin Schmersahl in einem reich bebilderten Vortrag auf. „Die ,Neue Frau‘ war jung, gesund, sportlich, motorisiert, berufstätig, ledig und sexuell freizügig – und ganz wichtig: sie rauchte sogar in der Öffentlichkeit“, so Schmersahl: „Das hatten zuvor nur Prostituierte gemacht.“
Gesetze und Gesellschaft schränkten Frauen ein
Was heute selbstverständlich scheint, war bis dahin undenkbar: Eine Frau, die ohne männliche Begleitung durch die Straßen und Cafés zieht, raucht und Alkohol trinkt. Noch im Kaiserreich hätte jeder Schutzmann sie als Dirne, also Prostituierte, abführen, drei Tage festsetzen und eine zwangsgynäkologische Untersuchung anordnen können, so Schmersahl. Frauen, die sich im Kaiserreich für das Frauenwahlrecht einsetzten, wurden als medizinisch geisteskrank abgestempelt. Die ersten Fahrradfahrerinnen sahen sich um 1900 heftigen Angriffen ausgesetzt. Lehrerinnen mussten sich per Gesetz zwischen Karriere oder Ehe entscheiden.
1919: Frauen dürfen wählen
Das Wahlrecht erkämpften sich die Frauen während des Erstes Weltkriegs an der Heimatfront: Millionen abwesende, tote und verstümmelte Soldaten bedeuteten auch Millionen fehlende Arbeitskräfte. Die Frauen sprangen ein, arbeiteten als Schaffnerin, Briefträgerin, stellten Granaten her und schwangen den Presslufthammer. Sie versorgten sich, ihre Familien und sehr oft auch ihre im Krieg verletzten Männer. 1919 durften sie dafür erstmals mitwählen.
Jobverlust nach dem Ersten Weltkrieg
Umso härter trafen sie die Demobilmachungsverordnungen nach dem Krieg, nach denen Frauen ihren Arbeitsplatz zugunsten der Kriegsheimkehrer räumen mussten. „Rund drei Millionen Frauen verloren ihre Jobs“, sagt Schmersahl. Darunter hunderttausende Witwen und Millionen Ehefrauen mit Kriegsinvaliden.
Zigarette als Symbol der Emanzipation
Dennoch bot die junge Weimarer Republik ihnen neue Möglichkeiten – wenn auch im immer noch eng begrenzten Rahmen. Wie heute waren vor allem die Großstädte Vorreiter, boten Jobs, eine neue Unterhaltungsindustrie, Kinofilme, Mode und Tänze vornehmlich aus den USA. Große Namen dieser Zeit sind zum Beispiel die Tiller Girls, Josephine Baker oder Coco Chanel, die zu Ikonen avancierten. Vor diesem Hintergrund „galten der Besuch eines Cafés und der Genuss einer Zigarette als ein Akt der Rebellion und als Ausdruck der neu gewonnenen Freiheiten“, erklärt Schmersahl. Die Szene findet sich denn auch auf vielen Kunstgemälden der Zeit wieder.
Benachteiligung als Lebensrealität
Mit der Lebensrealität der meisten Frauen hatte das Phänomen der „Neuen Frau“ allerdings wenig gemein, so die Historikerin: „Die Mehrzahl der Frauen lebte weit entfernt von diesem Stereotyp und war konservativ geprägt.“ Echte Selbstbestimmung gab es kaum, oder wenn, dann nur bis etwa 30. Über dieser Altersgrenze hatten Frauen so gut wie keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Heirat war gleichbedeutend mit Jobverlust. Sexuelle Avancen von Kollegen und Kunden zählten ebenso zum Arbeitsalltag, wie ein karges Gehalt. Das fiel per se bis zu 40 Prozent niedriger aus als das der männlichen Kollegen. „Begründet wurde das mit den tatsächlichen Lebensverhältnissen, wonach männliche Kollegen mehr Geld für Kleidung und Haushalt aufbringen müssen, als ihre weiblichen Kolleginnen. Im Klartext: Weil Frauen neben ihrer Berufstätigkeit auch Haushalt verrichteten, selber Essen kochten und Kleider nähten, war es gerechtfertigt, ihr Gehalt zu kürzen. Das haben Männer nämlich alles für sich machen lassen müssen“, führt Schmersahl aus.
Nazis kassierten Freiheiten wieder ein
Mit der Machtübernahme 1933 erstickten die Nationalsozialisten alle bis dahin gewonnenen Freiheiten der „Neuen Frau“ wieder. Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es lange, bis überhaupt ein ähnlicher Stand wie in der Weimarer Republik erreicht werden konnte.
Frauen als Organisatorinnen
Heute sind starke, selbstbewusste und selbstbestimmte Frauen in Elmshorn selbstverständlich. Frauen wie Cynthia Karatsoli, die mit Liedern wie „Raus mit den Männern aus dem Reichstag“ für die musikalische Untermalung des Frauenempfangs sorgte, oder die Künstlerinnen Rita Müller und Dorothee Schwarz, deren Bilder die Veranstaltung einrahmten. Gleichstellungsbeauftragte Basting: „Das, was wir erreicht und erkämpft haben, müssen wir festhalten und darum kämpfen, es noch besser zu machen.“ Sie macht das zusammen mit dem interfraktionellen Organisationsteam des Frauenempfangs, zu dem Yvonne Funke, Ilona Menck-Tapper, Karla Fock, Simone Claaßen und Gisela Huntenburg zählen. Für das leibliche Wohl sorgten die Auszubildenden der Stadt Elmshorn.