Tarascon - Freundschaft ist etwas sehr Wertvolles, aber keine Selbstverständlichkeit
Elmshorn.
Während der 40. Flora-Woche feierten Elmshorn und Tarascon 25 Jahre Partnerschaft. 35 Gäste aus der südfranzösischen Stadt waren im Norden und feierten mit den Elmshornern. Im Mittelpunkt stand der Bürgerempfang am 26. August 2012 im Rathaus. Sowohl Elmshorner als auch die französischen Gäste trugen geschichtsträchtige französische Gewände.
Rede des Bürgervorstehers Karl Holbach
Während des Bürgerempfangs im Rathaus sprach Elmshorns Bürgervorsteher Karl Holbach. Seine Rede wird nachstehend in Auszügen abgedruckt:
"Mein ganz besonderer Gruß gilt unseren Gästen aus Tarascon, an ihrer Spitze die stellvertretende Bürgermeisterin Madame Schmitt, bienvenue chere Josi. Weiter begrüße ich den Altbürgermeister Dr. Lutz sowie Herrn Bollmann, beide haben große Verdienste um die Städtepartnerschaft.
25 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Tarascon und Elmshorn, wie ist es dazu gekommen?
Am 1.4. 1976 ging ein Schreiben der Bismarckschule Elmshorn beim Schul- und Kulturamt der Stadt Elmshorn ein, in dem mitgeteilt wurde, mit Hilfe der Industrie- und Handelskammer Kiel und der IHK des Bezirks Arles sei es gelungen, eine Partnerschule in Südfrankreich, in Tarascon, zu finden. Es handele sich um das Lucée Alphonse Daudet. Eine Lehrerin des Lucées sei schon zur Kontaktaufnahme in Elmshorn gewesen und nun sei beabsichtigt, einen Gegenbesuch durch den Oberstudiendirektor Bollmann durchzuführen.
Durch diesen Gegenbesuch entstand eine Schulpartnerschaft, die so intensiv war, dass folgerichtig eine Partnerschaft zwischen den Städten Tarascon und Elmshorn entstand. Diese wurde am 5. Mai 1987 mit der offiziellen Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde durch Repräsentanten der Städte Tarascon und Elmshorn in der Aula der Bismarckschule besiegelt.
Mütter und Väter dieser Partnerschaft waren insbesondere Vertreter beider Schulen sowie die jeweiligen Kommunalpolitiker beider Städte, an der Spitze Bürgermeisterin Madame Alliaud und Bürgermeister Dr. Lutz. Die beiderseitige Freundschaft ist heute etwas sehr Wertvolles, aber keine Selbstverständlichkeit. Noch immer lebt die Partnerschaft zwischen dem Lucée und der Bismarckschule. Vertreter beider Städte pflegen einen regen Erfahrungsaustausch in Bezug auf die Aufgaben der jeweiligen Verwaltungen.
Und es zeigt sich, je mehr wir alle über einander, über Lebensweisen und Lebensgewohnheiten der Anderen lernen und wissen, desto einfacher und verständnisvoller wird der Umgang mit dem jeweils Anderen. Und wir sehen, die Probleme miteinander und untereinander sind fast überall gleich, egal ob wir nach Litauen, Bulgarien, Frankreich oder Deutschland schauen.
Diese Begegnungen ermöglichen eine echte Aussöhnung ehemaliger Erbfeinde. In der Ausstellung „vis-à-vis Deutschland - Frankreich“ im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn heißt es darüber (Ich zitiere): „Seit Beginn der Neuzeit waren Deutschland und Frankreich machtpolitische Gegenspieler. Doch erst die Herrschaft Napoleons und die Einigungskriege des 19. Jh. erwecken in beiden Ländern ein Nationalgefühl mit antideutschem und antifranzösischem Akzent. Nationale Klischees und Feindbilder vergiften bis ins 20. Jh. Politik und öffentliche Meinung. Die Beziehungen werden auf ein Wechselspiel von Sieg und Niederlage, Demütigung und Revanche reduziert.“ (Zitatende)
Nach dem II. Weltkrieg wuchs in Deutschland und Frankreich die Erkenntnis, dass die Erbfeindschaft früherer Generationen der Zukunft beider Länder im Weg steht. Grundlage der sich daraufhin entwickelnden Partnerschaft war die Unterzeichnung des deutsch– französischen Freundschaftsvertrages durch Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer am 22. Januar 1963.
Der Vertrag, der unter dem Namen Elysée-Vertrag in die Geschichte eingegangen ist, beendete die Jahrhunderte alte Rivalität, ja Feindschaft. 4 Monate nach dem Elysée-Vertrag ratifizierte der Deutsche Bundestag am 16. Mai 1963 mit überwältigender Mehrheit diesen Vertrag, aber nur mit einer Präambel, die die Grundsätze damaliger westdeutscher Außenpolitik bekräftigte und ein Zugeständnis an das "atlantische Lager" darstellte.
De Gaulle verhehlte seine Enttäuschung über diese Präambel nicht. Bei seinem ersten Staatsbesuch in Deutschland nach der Vertragsunterzeichnung, im Juli 1963, brachte er sie in einem inzwischen häufig zitierten Satz über die Dauer von Verträgen zum Ausdruck: " Verträge sind wie Rosen und junge Mädchen: Sie blühen nur einen Morgen.“
Adenauer griff diese Worte auf und antwortete: "Rosen und junge Mädchen, natürlich haben sie ihre Zeit, aber die Rose – und davon verstehe ich nun wirklich etwas ... – ist die ausdauerndste Pflanze, die wir überhaupt haben – sie hält jeden Winter durch."
Und in der Tat, seit damals sind viele Winter durch das Land gegangen und die Rose treibt jedes Jahr wieder neue Blüten. Die Partnerschaft hat ihre festen Wurzeln in der Basisarbeit zwischen Gemeinden und Bürgern. Weitere Erfolge wie die Anerkennung der doppelten Staatsbürgerschaft, deutsch-französische Gymnasien, ein gemeinsamer Kulturrat, die Filmakademie, der bilaterale Fernsehsender Arte und vieles mehr wären ohne eine "Annäherung von unten“ nicht möglich gewesen.
Und heute? Heute ist die deutsch-französische Freundschaft Alltag. Es gibt weit über 2000 Städtepartnerschaften. Sie stellen eine wichtige Basis für die deutsch-französische Zusammenarbeit auf der zivilgesellschaftlichen Ebene dar und dienen der Entwicklung eines Europas der Bürger.
Die Partnerschaft zwischen Tarascon und Elmshorn hat sich zu einem festen Bestand im Alltag beider Städte entwickelt. Gegenseitige Besuche finden in regelmäßigen Abständen statt und sind immer von großer Herzlichkeit geprägt. Für uns Norddeutsche gibt es in Tarascon viel zu entdecken und zu erleben.
- Da ist das mittelalterliche Flair der Stadt,
- die sich darauf beziehenden Stadtfeste,
- das warme Klima in der Nähe des Mittelmeeres,
- die leuchtenden Farbtöne der Provence,
- der gute Wein,
kurzum die feine französische Lebensart.
Die Eindrücke, die Carsten Petersen beim Stadtfest in Tarascon im Juni sammelte zeigen dies deutlich (Anmerkung: Redakteur der Elmshorner Nachrichten).
Jetzt stellt sich die Frage, wie könnte, wie müsste es weitergehen?
Wir sprechen heute z. B. von Ressourcenverknappung, von den Gefahren des Klimawandels. Zugegeben, Themen von globaler Dimension. Ist es da nicht möglich, einen Austausch der Erfahrungen, die jede Gemeinde im Kleinen macht, herbei zu führen? Beispielsweise pflegen die Stadt Kaarst und ihre Partnerstadt La Madeleine vor allem im Bereich der Solartechnik, energiesparender Stadtbeleuchtung und Wärmedämmung öffentlicher Gebäude einen regen Austausch.
Elmshorn und Tarascon haben sich für das nächste Jahr verabredet, auf dem Gebiet der regionalen Wirtschaft zu einer Zusammenarbeit und einem Erfahrungsaustausch, auch mit anderen Städten der jeweiligen Region, zu kommen. Kann es da nicht möglich sein, auch die dazu gehörenden Partnerstädte mit an den Tisch zu bekommen?
Die neuesten Entwicklungen auf europäischer Ebene und auch der Blick auf die über 2.000 deutsch-französischen Städtepartnerschaften zeigen, dass die Profis der Kooperation längst den Nutzen der europäischen Förderprogramme sehen und einzubringen wissen. Mehrere Programme fördern aus Steuermitteln der EU-Bürger den Austausch und die Zusammenarbeit. Für unsere Fragestellung ist interessant festzustellen, dass die Anreize der europäischen Fördertöpfe die ohnehin bestehenden Tendenzen beschleunigen. Die bi- oder trilateralen Städtepartnerschaften suchen gezielt nach passenden weiteren Partnern, um für die EU-Förderprogramme antragsfähig zu sein.
Das könnte ein neuer Weg zu einem Europa sein, das von unten aufgebaut wird, nämlich von seinen Bürgern.
Ich lade alle ganz herzlich ein, diesen Weg mit zu beschreiten."